Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Dalić im Interview: „Wir kehren zu unserem alten System zurück“
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Nach der herben Vier-Tore-Niederlage gegen England zieht Kroatiens Nationalcoach Zlatko Dalić Konsequenzen. Im Interview spricht er über taktische Fehlgriffe, fehlende Konzentration bei Standardsituationen und warum er trotz allem optimistisch auf die kommenden Vorrundenspiele gegen Panama und Ghana blickt.
Frage: Herr Dalić, Sie hatten vor dem Turnier angekündigt, flexibel auf die Gegner zu reagieren. Gegen England haben Sie mit einer Dreierkette in der Abwehr agiert. Werden Sie für die kommenden Spiele wieder auf das bewährte System mit vier Verteidigern und zwei echten Außenstürmern umstellen?
Zlatko Dalić: Ja, wir kehren zu unserem gewohnten System zurück. Der Fokus gegen England sollte eigentlich auf einer kompakten Defensive liegen, doch dieser Plan ist mit vier Gegentoren komplett ins Leere gelaufen. Aber ich möchte betonen: Es lag nicht am System selbst, ob wir nun mit drei oder vier Verteidigern spielen. Das Problem war die mangelnde Konzentration. Wenn man einem so starken Gegner quasi drei Tore schenkt, kann man nichts Besseres erwarten.
Frage: Was genau hat Sie an der Defensivleistung am meisten geärgert?
Zlatko Dalić: Ein Tor verteidigt man nicht durch ein System, sondern mit Qualität, Charakter und vollem Einsatz. Man muss sein Tor mit dem Leben verteidigen – so wie es Harry Kane getan hat, als er sich mit allem, was er hatte, in den Schuss von Gvardiol geworfen hat. Das erste Gegentor fiel nach einer Ecke aus dem Nichts. Und beim Gegentor von Jude Bellingham läuft er gefühlt als langsamster Spieler im Angriff ungestört vom Mittelkreis bis in unseren Strafraum, ohne dass ihn jemand angreift. Das sind individuelle Fehler. Dennoch: Alles, was diese Mannschaft und ich als Trainer in der Vergangenheit erreicht haben, basiert auf dem 4-3-3 bzw. 4-2-3-1. Daher werden wir die nächsten beiden Spiele definitiv so bestreiten.
Frage: Gegen England kamen auch einige junge Spieler zu ihrem WM-Debüt. Wie bewerten Sie deren Leistung im Hinblick auf die Zukunft des kroatischen Fußballs?
Zlatko Dalić: Für einige Spieler war es das erste Mal auf einer so riesigen Bühne. Die Atmosphäre und die Kulisse in diesem Stadion haben natürlich einen gewissen Einfluss auf den Einzelnen hinterlassen. Aber Kroatien muss sich um seine Zukunft keine Sorgen machen. Wir haben hervorragende, talentierte Spieler, die an der Seite der Routiniers wachsen werden. Da gibt es absolut keine Angst.
Frage: Auffällig an diesem Turniertakt ist, dass generell sehr viele Tore fallen und kaum ein Team zu Null spielt. Überrascht Sie das?
Zlatko Dalić: Es gab in der Tat schon einige ungewöhnliche Ergebnisse, und auch Favoriten wie Spanien, die Niederlande oder Portugal haben sich schwergetan. Manchmal spielen das Wetter oder die Temperaturen eine Rolle, aber es ist eben erst die erste Runde. In manchen Partien, wie bei Deutschland, hat man einfach einen enormen Qualitätsunterschied gesehen, was zu vielen Toren geführt hat.
Frage: Die kommenden Gegner heißen Panama und Ghana. Liegt der Trainingsfokus nun verstärkt auf dem Abstellen der Schwächen bei Standardsituationen?
Zlatko Dalić: Panama hat gezeigt, dass sie keineswegs harmlos sind, aber sie haben natürlich nicht die Qualität von England. Gegen sie werden wir deutlich mehr Ballbesitz und Offensivaktionen haben. Aber wir müssen die Fehler analysieren. Seit ich Nationaltrainer bin, waren das defensiv die am schlechtesten verteidigten Standards. Dabei hatten wir extra sechs große, kopfballstarke Spieler aufgestellt. Am Wochenende werden wir im technisch-taktischen Bereich gezielt an den Standardsituationen arbeiten.
Frage: Nach dem späten Eintreffen im Hotel in der Nacht gab es heute keine Vormittagseinheit. War das eine bewusste Entscheidung gegen ein „Straftraining“?
Zlatko Dalić: (lächelt) Nein, überhaupt nicht. Wir kamen erst spät in der Nacht im Hotel an, die Spieler mussten einfach ausschlafen. Wir spüren keinen Zorn und es gibt keine Strafen, so will ich als Trainer nicht arbeiten. Wir verfolgen unseren Plan ganz normal weiter.
Die Situation erinnert mich ein wenig an die Europameisterschaft 2024, als wir das Auftaktspiel gegen Spanien verloren haben. Danach haben wir zu viel gegrübelt, haben den Faden verloren und uns verunsichern lassen, was letztlich zu den späten Gegentoren gegen Albanien und Italien führte. Genau das wollen wir diesmal verhindern. Wir gehen die entscheidenden Spiele gegen Panama und Ghana mit Ruhe, Fokus und ohne Groll an.


